Call 1/2023: Medienpädagogische Entwürfe der Zukunft: Nachhaltigkeit, Zukunftsvisionen und Science Fiction

2022-09-29

Hauptziel von Wissenschaft ist gemeinhin die Suche nach Wahrheit und rationaler Argumentation. Sie will Antworten auf die Frage danach, was gegeben ist. Science sucht das Wissen über die Welt, wobei die Frage nach der theoretischen oder praktischen Evidenzbasierung eine eminente Rolle spielt. Als Repräsentation dessen, was gegeben ist, gilt nur das, was bestimmten rationalen Regeln folgt. Dabei bezieht sich das Verständnis von Evidenz gerade auf das Gegenteil eines wissenschaftlichen Modus: Unter Evidenz wird ein unhinterfragbarer Satz verstanden. Doch Wissenschaft versteht sich als stets erweiterbar, nie abgeschlossen, stets nur zu einem bestimmten Moment gültig.

Umgekehrt meint Fiktion eine erschaffene Welt etwa in Malerei, im Film oder in der Literatur. Mehr noch, im Kontext von Science Fiction geht es darum, Welten zu schaffen, die in gewisser Weise zeitlich und räumlich von der bestehenden Welt entrückt sind. Das Ergebnis sind fiktionale Welten, in denen futuristische Lebensumstände oder Begegnungen mit extraterrestrischen Lebewesen verhandelt werden.

Doch braucht es nicht auch in der (Medien-)Pädagogik ein gewisses Maß an Fiktion? Reicht es, wenn die Medienpädagogik als Disziplin verstanden wird, die immer nur auf jeweils aktuelle Entwicklungen in der Medienlandschaft reagiert? Braucht es nicht viel mehr eine in die Zukunft gerichtete, auf Gesellschaftsdiagnosen aufbauende „Fiktion“ darüber, wie Bildung und Bildungsinstitutionen in Zukunft aussehen könnten? Welche Rolle spielt die Digitalität, spielen Entwicklungen rund um Künstliche oder „Artificial“ Intelligenz, um Robotik oder Big Data?

Insofern ist Science Fiction weit mehr als ein Film- und Literaturgenre: Die Verbindung von Fiktion, von Zukunftsentwürfen und einem Weiterdenken der Gegenwart in enger Abstimmung mit wissenschaftlichen und forschenden Methoden, Methodologien und publizierten Forschungsergebnissen, kann gar als Modus des kollektiven und kollaborativen Weltmachens und Weltvorstellens gelten. Dieses Bildmachen von Welt – und dann auch vom Selbst in dieser Welt – kann als grundlegender Bildungsprozess verstanden werden (vgl. bspw. Koller 2012), der immer auf vielfältige Weise mit Medien zu tun hat. Kollektive Praktiken des Welterschließens und damit verbunden etwa auch kritische Positionen zu aktuellen Entwicklungen etwa in der Klima- oder Degrowthbewegung (Thomay 2020) bedienen sich medialer Angebote, wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methodologien, um damit Zukunftsentwürfe zu erstellen und zu publizieren. Und vielleicht braucht es angesichts der hochbeschworenen und dringend notwendigen tiefgreifenden Transformationsprozesse der gegenwärtigen Gesellschaft in den unterschiedlichen Lebensbereichen insbesondere eines: Die Fähigkeit in alternativen Zukunftsentwürfen zu denken, die dann aber nicht losgelöst von wissenschaftlichen und ethischen Grundsätzen frei flotieren, sondern sich an bestehenden rationalen Erkenntnissen orientieren. In ähnlicher Weise beschreibt dies Donna Haraway in Staying with the Trouble (2016: 135f) durch das Schreiben von „Camille Stories“, als eine Geschichte im Jetzt mit dem Ausblick in eine ungewisse Zukunft („proposing a relay into uncertain futures“). Durch das Imaginieren und Schreiben dieser Geschichten, sollten wir die Fähigkeit (wieder)erlangen, uns Wohlstand, Gesundheit und Ganzheitlichkeit in neuer Weise vorzustellen und neue Verbindungen und Kollaborationen einzugehen, „without worrying overmuch about conventional ontological kinds“. Es geht also darum, Einladungen und Räume zu schaffen, „to strengthening ways to propose near futures, possible futures, and implausible but real nows“.

Es braucht Kompetenz, um Science Fiction zu denken und Zukunftsentwürfe sowie dystopische und utopische Zukunftsszenarien möglich werden zu lassen (Rieckmann 2021: 18). Es braucht die Öffnung von „Science-Fiction, Kunst, Kultur“ als Reflexionsräume für Bildung, wie es der Wissenschaftliche Beirat zu Globalen Umweltfragen der Deutschen Bundesregierung fordert (WBGU 2019: 63). Es braucht folglich auch neu gedachte Zugänge zu Bildung, die die Orientierung an Sprache überkommt und sich an den gegenwärtigen Ästhetiken von Bewegt-/Bild orientiert. Und vielleicht braucht es, im Sinne einer Ergänzung und eben nicht als Ablöse aktueller Diskurse, mehr „paralogische“ Zugänge, die das „Imaginations-Einbildungskraft-Problem“ der Pädagogik adressieren und ein „neues Bild des Denkens in Kraft setzen“ und hervorbringen können (Sander 2022).

Dabei sind weder die Herausforderungen noch die skizzierten Denkmodelle neu: So zeigt sich eine über mehrere „Jahrzehnte währende, hypermediale und mehrschichtige Verbindung zwischen Science Fiction und gesellschaftlicher Technologiebewertung“ (Grimme-Institut et al. 2018: 42), die so auch stärker bewusst in Bildungskontexten eingesetzt werden könnte.

„Die Tatsache, dass viele medienpädagogische Herangehensweisen auf fiktionale Stoffe und insbesondere Science-Fiction-Filme Bezug nehmen, sollte auch zum Anlass genommen werden, die enkulturierenden Effekte dieser medialen Fiktionen für die öffentliche Technikinterpretation zu reflektieren, da sie auch den Chancen-Risiko-Diskurs über Big Data mitprägen.“ (Grimme-Institut et al. 2018: 42)

Das Redaktionsteam der MEDIENIMPULSE freut sich daher über theoretische und empirische Beiträge aus dem wissenschaftlichen Kontext ebenso wie über fiktionale Erzählungen und Berichte aus der Bildungspraxis. Im Zentrum der Beiträge könnten folgende Fragen stehen:

  • Wie kann (und: soll?) sich Science Fiction auf Konstitution und Selbstverständnis der Medienpädagogik auswirken? Welche Antworten und neuen Fragen lassen sich dabei für die jeweils aktuellen Medienentwicklungen ableiten, die die Pole medienpädagogischer Identität, also die Extreme von futuristischer Visionsfähigkeit und reaktionärer Bewahrpädagogik, mitmeinen?

  • Was bedeutet ein ernstzunehmender Umgang mit Science Fiction für die Evidenzbasierung in der Medienpädagogik und in der Wissenschaft überhaupt?

  • Wie gestaltet sich die Schule der Zukunft? Welche Rolle spielen dabei Digitalität und Algorithmizität?

  • Wie wird Lernen und Bildung im Sinne einer Science Fiction in den Künsten dargestellt? Welche Erkenntnisse lassen sich dahingehend für die (Medien-)Pädagogik gewinnen?

  • Wie kann sich die Diskussion zu Science Fiction auf die (Weiter-)Entwicklung von Lehr- und Lernformaten auswirken? Welche kritischen Perspektiven lassen sich dahingehend für ein Denken über bzw. mit „Design Thinking“ gewinnen, die auch praxisrelevant sind?

  • Wie trägt ein konstruktiv-kritischer Umgang mit Science Fiction produktiv zur Entwicklung neuer medialer Angebote und Textsorten der Wissensdarstellung und -vermittlung bei? Wie lassen sich Tendenzen der Hybridisierung über Gattungen und Genres hinweg beschreiben, wie tragen diese gegenwärtigen Ausprägungen medialer Wirklichkeit zu einer Emanzipation von traditionellen Vorgaben und Normen bei (z. B. Speculative Fiction, Slipstream, post-qualitatitve Methodologien)?

  • Wie kann ein ernstgemeinter Zugang zu Science Fiction dazu beitragen, in einer von tendenziell autoritärer werdenden Debatten um Identität und Politik geprägten Gegenwart, einen aufgeklärten kritischen Diskurs für die Zukunft zu erhalten?

Die Herausgeber:innen dieser Schwerpunktausgabe sind:

Thomas Ballhausen, Universität Mozarteum Salzburg (thomas.ballhausen@medienimpulse.at)

Nina Grünberger, Technische Universität Darmstadt (nina.gruenberger@tu-darmstadt.de)

Johanna Lenhart, Universität Brno, (johanna.lenhart@medienimpulse.at)

Alessandro Barberi, Universität Wien (alessandro.barberi@univie.ac.at)

Einreichung der Artikel

Bitte reichen Sie Ihre Beiträge auf unserer Homepage über das Redaktionssystem unter folgendem Link ein:

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Umfang der Beiträge im Bereich Schwerpunkt: 20.000–45.000 Zeichen. Falls Ihr Beitrag ein Peer Review-Verfahren durchlaufen soll, reichen Sie ihn bitte bis zum 15. Februar 2023 ein. Beiträge ohne Peer-Review-Verfahren können bis zum 25. Februar 2023 eingereicht werden.

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Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen und stehen selbstverständlich gerne für eventuelle Rückfragen zur Verfügung!

  • Redaktionsschluss:     15. Februar 2023
  • Erscheinungsdatum:  21. März 2023

Literatur

Ballhausen, Thomas (2015): Signaturen der Erinnerung. Über die Arbeit am Archiv, Edition Atelier.

Fisher, Mark (2018): k-punk. The Collected and Unpublished Writings of Mark Fisher, Edited by Darren Ambrose, London: Repeater Books.

Grimme-Institut/Gapski, Harald/Tekster, Thomas/Elias, Monika (2018): Bildung für und über Big Data. Status quo; Möglichkeiten und Grenzen der Medienbildung; flankierende Handlungsempfehlungen. Gutachten im Rahmen von ABIDA – Assessing Big Data, pedocs, online unter: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0111-pedocs-171871 (letzter Zugriff: 25.09.2022).

Haraway, Donna J. (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene, Durham: Duke University Press, online unter: https://doi.org/10.1215/9780822373780 (letzter Zugriff: 25.09.2022).

Koller, Hans-Christoph (2012): Bildung anders denken – Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse, Stuttgart: Kohlhammer.

Rieckmann, Marco (2021): Bildung für nachhaltige Entwicklung. Ziele, didaktische Prinzipien und Methoden, in: merz – Zeitschrift für Medienpädagogik 65, 04, 10–17.

Rinck, Monika (2019): Wirksame Fiktionen, Göttingen: Wallstein.

Sander, Olaf (2022): Wir als Kapital und Datenbank-Content, in: Zulaica y Mugica, Miguel/Zebe, Klaus-Christian (Hg.): Rhetoriken des Digitalen: Adressierungen an die Pädagogik, Wiesbaden: Springer Fachmedien, 125–142.

Theison, Philipp (2022): Einführung in die außerirdische Literatur. Lesen und Schreiben im All, Berlin: Matthes & Seitz Berlin.

Thomay, Marius (2020): Degrowth und der (Eigen-)Wert der Natur: Eine kritische Reflexion umweltethischer Positionen in der Degrowth-Bewegung und der Versuch eines Plädoyers für eine holistische Umweltethik, in Roos, Ulrich (Hg.): Nachhaltigkeit, Postwachstum, Transformation, Wiesbaden: Springer Fachmedien 45– 82.

WBGU, W. B. der B. G. U. (2019): Unsere gemeinsame digitale Zukunft – Empfehlungen, WBGU, online unter: https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/unsere-gemeinsame-digitale-zukunft (letzter Zugriff: 25.09.2022).