Call 4/2022: Medienpädagogische Entwürfe der Gegenwart: Normativität, Verantwortung, Gerechtigkeit

2022-09-29

„Dass die heutige Welt nicht gerecht ist,
folgt aus quasi jeder Theorie globaler Gerechtigkeit,
und sei sie noch so minimalistisch.“ (Herzog 2019: 369)

Die Welt ist ungerecht. Das ist nicht gerade überraschend. Ebenso nicht neu, sondern vielmehr ein der Pädagogik eingeschriebenes Problem ist jenes der Normativität, wobei mit Normativität hier die allgemeine Frage nach Sollensforderungen im pädagogischen Diskurs gemeint ist (Koller 2016: 154).

Bildungstheoretische Konzeptionierungen müssen sich deshalb gelegentlich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Frage der normativen Setzung auslassen und damit ein bestimmtes Bild von Selbst und Welt und eine bestimmte Entwicklung von Subjekt und Gesellschaft als die richtigere oder bessere voraussetzen (Koller 2016: 150). Im Anschluss an Marotzki formuliert Koller, dass man dann von Bildung sprechen kann, wenn neue Figuren von Welt eine „Problembearbeitung erlauben“, wie dies generell durch den „alten Welt- und Selbstentwurf ermöglicht wurde“. Bildung würde stets auf „gesellschaftliche Herausforderungen wie die zunehmende Komplexität gesellschaftlicher Problemlagen reagier[…]en und deshalb auch an eine Komplexitätssteigerung des Welt- und Selbstverhältnisses gebunden sein“. Anders formuliert: Wenn eine bildungstheoretische Konzeption auch keine bestimmte normative Richtschnur favorisiert, so muss dieses Bildungsverständnis aber dennoch die der Pädagogik immanente Aufgabe erfüllen, eine Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen zu geben.

Das könnte man mit einer impliziten normativen Setzung hin zu einer steten Transformation verstehen: Jedenfalls wird hier eine „Richtung der Transformation [von Selbst- und Weltbild] (nämlich die Richtung hin auf mehr Verfügung über die eigenen Lernvoraussetzungen und mehr Reflexivität)“ vorgegeben (Koller 2016: 153f). Diese bestimmte Richtung ist vor dem Hintergrund gegenwärtiger „grundlegender Fraglichkeit und Ungewissheit“ erschwert. Die Pädagogik als Wissenschaft und Praxisfeld bezieht sich auf eine durch und durch „unbestimmbare Zukunft“.

Wie ist trotz dieser Unbestimmbarkeit und der notwendigen Bestimmung und Planung von Bildungsprozessen und pädagogischer Angebote eine „kritische Reflexion“ möglich? „Wie ist ein Verhältnis zur Zukunft denkbar, das die Zukünftigkeit der Zukunft nicht durch antizipierende Vorstellungen von ihr verstellt?“ (Wimmer 2006: 16f). Und welche Konsequenzen hat dies für die Konstituierung einer Medienpädagogik in Forschung und Praxis, die des Öfteren als „Reparaturbetrieb“ (Niesyto 2017: 21) für immer neuere technologische und kapitalistisch-motivierte Entwicklungen gelesen wird.

Die Frage der normativen Setzung, der Fokussierung einer bestimmten Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen und eines bestimmten individuellen Handelns, rückt im Hinblick auf bestehende gesellschaftliche Herausforderungen folgende Themenkomplexe ins Zentrum der Diskussion:

  • Die Klimakrisendebatte und eine Auseinandersetzung mit nachhaltigeren Entwicklungen der Gesellschaft führen zu Fragen nach dem richtigen Handeln, nach dem richtigen Konsum und einer bestimmten Vorstellung einer nachhaltigen Entwicklung.

  • Der Diskurs um Big Data und Data Literacy führen zur Frage, welchen „Wert“ Daten haben und wie wir als Gemeinschaft richtig mit Fragen der Datensammlung, -speicherung und -auswertung umgehen sollen (Taffel 2021). Welche Data Literacies braucht es (Brüggen 2015)? Welche Formen gesellschaftlicher Diskriminierung perpetuieren sich durch die automatische Auslesung digitaler Daten (Chun 2021; Crawford 2021)? Was ist das Souveräne im Begriff der Digitalen Souveränität (Friedrichsen/Bisa 2016; Herlo/Irrgang/Joost/Unteidig 2021)?

  • Der erneut wesentlich gewordene Diskurs der kybernetischen Ideologie, insbesondere in seiner Ausbildung von Überlegungen zu sich selbst regulierenden, beobachtenden und reflektierenden Systemen, wirft einmal mehr Fragen nach Bedingungen von Selbstverfasstheit (Stichwort: Digitalität) und Erkenntnis (Stichwort: neue Formen der Forschung, der Vermittlung und der Auswertung) auf, die zumindest potenziell weitreichende (medien-)pädagogische Implikationen mit sich bringen.

  • Wie können wir angesichts weitreichender digital-kapitalistischer Strukturen richtig handeln? Müssen wir uns der bestehenden Strukturen entziehen, um unseren moralischen Regeln zu entsprechen und welche Regeln haben wir und warum?

  • Welche Art der Verantwortung kommt der Medienpädagogik in diesen Debatten zu (Beck 2018; Grünberger 2020; Herzog 2019; Swertz 2021)? Welche gesellschaftspolitische Rolle übernimmt die Medienpädagogik und welche Rolle kann die medienpädagogische Praxis dabei spielen?

Vor diesem Hintergrund lädt die Redaktion zu Beiträgen ein, die

  • die Normativitätsfrage in der Pädagogik vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen (z. B. Big Data, Digitaler Humanismus, Artificial Intelligence, Hate Speech, neokoloniale Machtstrukturen) ansprechen.

  • die Frage von Gerechtigkeit und Verantwortung der bzw. in der Medienpädagogik als wissenschaftliches und praktisches Feld diskutieren.

  • Lehr-Lernmaterialien mit gezieltem Blick auf „epochale Schlüsselprobleme“ (Klafki 2007) im Sinne großer gesellschaftlicher Herausforderungen (z. B. Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, Künstliche Intelligenz, nachhaltige Entwicklung) vorstellen.

  • die Rolle der Pädagogik im Allgemeinen und von Pädagog:innen im schulischen, hochschulischen und außerschulischen Kontext reflektieren.

  • neue Modelle des Lehrens, Lernens und Forschens konstruktiv-kritisch durchleuchten (z. B. Material Ecocriticism, Post-Qualitative Research).

Die Herausgeber:innen dieser Schwerpunktausgabe sind:

Nina Grünberger, Technische Universität Darmstadt (nina.gruenberger@tu-darmstadt.de)

Thomas Ballhausen, Universität Mozarteum Salzburg (thomas.ballhausen@medienimpulse.at)

Caroline Grabensteiner, Pädagogische Hochschule Wien (caroline.grabensteiner@phwien.ac.at)

Alessandro Barberi, Universität Wien (alessandro.barberi@univie.ac.at)

Einreichung der Artikel

Bitte reichen Sie Ihre Beiträge auf unserer Homepage über das Redaktionssystem unter folgendem Link ein

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Umfang der Beiträge im Bereich Schwerpunkt: 20.000–45.000 Zeichen. Falls Ihr Beitrag ein Peer Review-Verfahren durchlaufen soll, reichen Sie ihn bitte bis zum 15. November 2022 ein. Beiträge ohne Peer-Review-Verfahren können bis zum 25. November 2022 eingereicht werden.

Neben der thematischen Schwerpunktsetzung können Beiträge für alle Ressorts der MEDIENIMPULSE eingereicht werden. Beiträge, die ein Peer Review-Verfahren durchlaufen haben, werden durch einen eigenen Vermerk kenntlich gemacht.

Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen und stehen selbstverständlich gerne für eventuelle Rückfragen zur Verfügung!

Redaktionsschluss:    15. November 2022
Erscheinungsdatum: 21. Dezember 2022

 

Literatur

Beck, Valentin (2018): Was ist globale Verantwortung? Sieben Fehldeutungen, in: Zeitschrift Für Didaktik der Philosophie Und Ethik, 4(40), 29–38.

Brüggen, Niels (2015): Gedanken zur Neuausrichtung der Medienkompetenzförderung angesichts Big Data, in: Gapski, Harald (Hg.): Big Data und Medienbildung. Zwischen Kontrollverlust, Selbstverteidigung und Souveränität in der digitalen Welt, München: kopaed, 51–62.

Chun, Wendy H. K. (2021): Discriminating Data: Correlation, Neighborhoods, and the New Politics of Recognition, Cambridge (Massachusetts): The MIT Press.

Crawford, Kate (2021): Atlas of AI. Power, politics, and the planetary costs of artificial intelligence, New Haven (Connecticut): Yale University Press.

Friedrichsen, Mike/Bisa, Peter-J. (2016): Digitale Souveränität: Vertrauen in der Netzwerkgesellschaft (1. Aufl. 2016), Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Grünberger, Nina (2020): Klimaschutz und Digitalisierung als medienpädagogische Verantwortung?, in: Trültzsch-Wijnen, Christine/Brandhofer, Gerhard (Hg.): Bildung und Digitalisierung: Auf der Suche nach Kompetenzen und Performanzen (1. Aufl.), Baden-Baden: Nomos, 181–194, online unter: https://doi.org/10.5771/9783748906247-181 (letzter Zugriff: 25.09.2022).

Herzog, Lisa (2019): Die strukturelle Perspektive auf globale Gerechtigkeit und die Verantwortung epistemischer Gemeinschaften, in: Nida-Rümelin, Julian/von Daniels, Detlev/Wloka, Nicole (Hg.): Internationale Gerechtigkeit und institutionelle Verantwortung, Berlin: De Gruyter: 369–382, online unter: https://doi.org/10.1515/9783110615876-022 (letzter Zugriff: 25.09.2022).

Klafki, Wolfgang (2007): Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik, Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik (6. neu ausgestattete Aufl.), Weinheim: Beltz.

Koller, Hans-Christoph (2016): Ist jede Transformation als Bildungsprozess zu begreifen? Zur Frage der Normativität des Konzepts transformatorischer Bildungsprozesse, in: Verständig, Dan/Holze, Jens/Biermann, Ralf (Hg.): Von der Bildung zur Medienbildung. Festschrift für Winfried Marotzki, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 149–160.

Niesyto, Horst (2017): Medienpädagogik und digitaler Kapitalismus. Für die Stärkung einer gesellschafts- und medienkritischen Perspektive, in: MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, Heft 27: Tagungsband: Spannungsfelder und blinde Flecken. Medienpädagogik zwischen Emanzipationsanspruch und Diskursvermeidung, online unter: https://doi.org/10.21240/mpaed/27/2017.01.13.X (letzter Zugriff: 25.09.2022).

Herlo, Bianca/Irrgang, Daniel/Joost, Gesche/Unteidig, Andreas (2021) (Hg.): Practicing Sovereignty: Digital Involvement in Times of Crises (1st ed.), Bielefeld: transcript.

Swertz, Christian (2021): Bildung, Verantwortung und digitale Daten, in: Medienimpulse, 59(3), online unter: https://doi.org/10.21243/mi-03-21-12 (letzter Zugriff: 25.09.2022).

Taffel, Sy (2021): Data and oil: Metaphor, materiality and metabolic rifts, in: New Media & Society, online unter: https://doi.org/10.1177/14614448211017887 (letzter Zugriff: 25.09.2022).

Wimmer, Michael (2006): Dekonstruktion und Erziehung. Studien zum Paradoxieproblem in der Pädagogik (Bd. 6), Bielefeld: transcript.