Diagnosen, die Geschichte schreiben

Fern- und retrospektive Diagnosen am Beispiel Wilhelms II. und Adolf Hitlers im medialen und (erinnerungs-)politischen Diskurs

Autor/innen

  • Mathias Schmidt Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, RWTH Aachen
  • David Freis Institut für Ethik und Geschichte der Gesundheit in der Gesellschaft, Universität Augsburg
  • Saskia Wilhelmy Institut für Geschichte der Medizin, TU Dresden

DOI:

https://doi.org/10.25365/mz-2026-41-1-3

Schlagworte:

Retrospektive Diagnose, Ferndiagnose, Goldwater Rule, Krankheitskonzepte, Psychopathologisierung, Deutsches Reich, Nationalsozialismus, Medizingeschichte, Medizinethik

Abstract

Der vorliegende Beitrag analysiert kritisch die Praxis retrospektiver und Ferndiagnosen historischer Persönlichkeiten am Beispiel von Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler. Ausgangspunkt ist die methodische Kritik, dass solche Diagnosen auf fragmentarischen, subjektiven und kontextabhängigen Quellen beruhen und moderne Krankheitskonzepte unzulässig in die Vergangenheit projiziert werden. Medizinische Diagnosen sind zeitgebunden und spiegeln nicht nur den Stand des medizinischen Wissens, sondern auch politische, kulturelle und gesellschaftliche Deutungsmuster wider. Anhand der vielfältigen Diagnosen Wilhelms II. und Adolf Hitlers wird gezeigt, dass diese häufig zur Klärung der Kriegsschuldfrage, zur Legitimation politischer Positionen, zur „Dämonisierung“ oder auch zur Entlastung der eigenen Person oder der deutschen Gesellschaft herangezogen wurden. Grundlage bilden hierbei oftmals Gerüchte oder ideologisch geprägte Interpretationen, wodurch widersprüchliche Narrative entstanden sind. Letztlich bieten retrospektive und Ferndiagnosen keinen belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Vielmehr vereinfachen sie komplexe historische Prozesse und fördern monokausale Erklärungen, wodurch Verantwortung relativiert wird. Aus methodischer und ethischer Perspektive sind sie daher als problematisch und unwissenschaftlich abzulehnen.

Autor/innen-Biografien

Mathias Schmidt, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, RWTH Aachen

ist Stellvertreter des Direktors am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums der RWTH Aachen. Er studierte von 2007 bis 2012 Geschichte und Theologie an der Ruhr-Universität Bochum und promovierte und habilitierte zu Themen aus der Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus an der Medizinischen Fakultät Aachen. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. die Geschichte der Medizin in der Zeit des Nationalsozialismus, die Geschichte des Aussatzes und die Krankenhausgeschichte.

David Freis, Institut für Ethik und Geschichte der Gesundheit in der Gesellschaft, Universität Augsburg

ist Medizinhistoriker und leitet als Akademischer Rat den Teilbereich Medizingeschichte des Instituts für Ethik und Geschichte der Gesundheit in der Gesellschaft an der Universität Augsburg. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum und promovierte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Psychiatrie und Psychotherapie, die Geschichte medizinischer Technologien und Medien, die Krankenhausgeschichte und die Geschichte medizinischer Zukunftsvorstellungen.

Saskia Wilhelmy, Institut für Geschichte der Medizin, TU Dresden

hat sich 2026 für das Fach Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin habilitiert und ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin an der Technischen Universität Dresden. Zuvor war sie seit 2014 am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uniklinik Aachen tätig und war Geschäftsführerin des dortigen Klinischen Ethikkomitees. Sie studierte Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft sowie Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der RWTH Aachen. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. die Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus, Ethik in der Psychiatrie und Ethik im digitalen Gesundheitswesen.

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Veröffentlicht

2026-05-11

Zitationsvorschlag

Schmidt, M., Freis, D., & Wilhelmy, S. (2026). Diagnosen, die Geschichte schreiben: Fern- und retrospektive Diagnosen am Beispiel Wilhelms II. und Adolf Hitlers im medialen und (erinnerungs-)politischen Diskurs. Medien & Zeit. Kommunikation in Vergangenheit Und Gegenwart, 41(1), 19–31. https://doi.org/10.25365/mz-2026-41-1-3

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