Entformung ohne Medien?
Zu Jan-Philipp Schäfers bildungstheoretischer Anders-Lektüre
DOI:
https://doi.org/10.21243/mi-02-26-06Schlagworte:
Günther Anders, Bildung als Entformung, Negative Anthropologie, Bildungstheorie, Kulturindustriekritik, Prometheische Scham, Medienphilosophie, Kritische Medienbildung, Algorithmische Gouvernementalität, PlattformkapitalismusAbstract
Jan-Philipp Schäfers Dissertationsschrift Bildung als Entformung (2025) erschließt Günther Anders‘ bislang erziehungswissenschaftlich kaum rezipiertes Frühwerk – insbesondere die unveröffentlichten Exilmanuskripte der 1930er und 1940er Jahre – für die Bildungstheorie. Die Rezension würdigt die dreistufige Argumentationsstruktur: die Rekonstruktion von Anders‘ negativer Anthropologie als Radikalisierung Plessners exzentrischer Positionalität, die dialektische Kulturanalyse mit ihrer Homunkulus-Kritik am Deutschen Idealismus sowie den Bildungsbegriff der Entformung als politisch konturierte Negativkategorie, die Bildung an die Überwindung kulturindustrieller Konformierung und nationalsozialistischer Prägung bindet. Diese Leistungen werden als philologisch sorgfältig und argumentativ eigenständig eingeschätzt. Kritisch beleuchtet die Rezension eine zentrale Leerstelle: Schäfer behandelt Medien als Vehikel spätkapitalistischer Neutralisierung, nicht aber als konstitutive Bedingung von Bildungsprozessen. Anders‘ medienphilosophische Kernbegriffe – Phantom, Matrize, prometheisches Gefälle, prometheische Scham – bleiben bildungstheoretisch unausgeschöpft; ihre Übertragbarkeit auf algorithmische Empfehlungssysteme, Datafizierung und generative KI wird nicht entfaltet. Darin liegt die offene Forschungsaufgabe, die das Werk für die Medienbildung hinterlässt.
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